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„Das Politische der Medien | Bildung“
Dass Medien und damit auch Bildung mit, über und durch sie politisch sind, ist ein Allgemeinplatz und oftmals Ausgangspunkt medienpädagogischer und medienwissenschaftlicher Theoriebildung, der jüngst wieder in den Fokus gerückt worden ist (Dander et al. 2024; Swertz et al. 2025; Helbig & Hofhues 2025). Dieses wiedergewonnene Interesse begründet sich mit der Entwicklung, dass insbesondere (post-)digitale Öffentlichkeiten neue Qualitäten wie z. B. Aufmerksamkeitsökonomien, Affizierungen, Emotionalisierungen und Polarisierungen hervorbringen, die bislang bestehende medienwissenschaftliche und medienpädagogische Konzepte neu befragen lassen und deren Analyse methodische Modifikationen erfordert. Publikationen wie „Macht der Plattformen“ (Seemann 2021) und das Aufkommen eines „Überwachungskapitalismus“ (Zuboff 2019) verdeutlichen, inwiefern algorithmische Systeme unsere Gegenwart prägen, indem sie in Gestalt ihrer meist opaken Regulations- und damit auch Definitionsmacht bestimmte Ideen von (Nicht-)Teilhabe, (Nicht-)Wissen, Kontrolle und (In-)Transparenz in verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen mitformen. Damit verbunden ist eine gesamtgesellschaftliche Dimension, da auch die Demokratie als gesellschaftliche Lebensform (Negt 2010) durch eine zunehmende autokratische Zerstörung freiheitlicher Ordnungen (Amlinger & Nachtwey 2025) auf dem Prüfstand steht. Es ist damit nicht nur der mediale Umgang mit politischen Inhalten, sondern die gesellschaftliche Bedeutung der Medienpädagogik, die es medienwissenschaftlich zu schärfen und politisch stark zu machen gilt.
Aus medienwissenschaftlicher Perspektive stellt sich dabei unter anderem „die Frage nach dem Bezug medientheoretischer Impulse zu jenen Problemstellungen, die in der politischen Theorie und Philosophie verhandelt werden“ (Muhle 2014, S. 137). Politische Dimensionen von Medien lassen sich hierbei nicht nur auf der Ebene institutionalisierter Öffentlichkeiten verorten, sondern ebenso in mikropolitischen Praktiken, kollektivierbaren Affekten sowie Effekten medialer Verfahren beobachten. Diese werden etwa dort sichtbar, wo „Medienwissenschaft Räume, Körper und Lebensformen oder Repräsentationspolitiken und Vorstellungen des Sozialen untersucht“ (Waitz 2013, S. 168) – oder auch dort, wo Medientechnologien dahingehend analysiert werden, inwiefern sie systematisch Menschen und/oder politische Inhalte benachteiligen oder bevorzugen. Aktuell stellen sich u. a. angesichts von LLMs, Diffusion-Modellen und Social Media, aber auch der politischen Einflussnahme auf Medien- und Fernsehanstalten zudem zunehmend (wieder) Fragen danach, welche Personen mit welchen politischen Haltungen und Machtinteressen welche medialen Räume und damit unsere (post-)digitalen Lebenswelten insgesamt gestalten und inhaltlich füllen (Tuschling/Sudmann/Dotzler 2023; Gaderer & Grömmke 2024; GfM 2025). In diesem Zusammenhang geht es auch darum, wie sich die Grenzen des Sagbaren und Nicht-Sagbaren verschieben und auf welche Weise Felder der sozialen Ungleichheit und Diskriminierung systematisch umstrukturiert werden oder sich restabilisieren. Das Politische und die Politik (Bedorf & Röttgers 2010) sind vor diesem Hintergrund gleichermaßen in Medientechnologien und -kulturen eingeschrieben und werden gleichsam dialektisch durch ebendiese hervorgebracht. Die genannten, aber auch weitere Aspekte erfordern neue Perspektiven darauf, wie Medientechnologien, Medienkulturen und Medienpraktiken eine politische Wirkung auf individueller, kollektiver, sozialer und kultureller Ebene entfalten und an welchen Schnittstellen sich medienwissenschaftliche und medienpädagogische Perspektiven verschränken lassen. Adressiert ist damit die Notwendigkeit theoretisch fundierter Auseinandersetzungen, wobei Medienpädagogik und Medienwissenschaft gleichermaßen herausgefordert sind, ihre gesellschaftliche und politische Relevanz neu zu bestimmen.
Das Magdeburger Theorieforum 2026 widmet sich angesichts dieser Herausforderungen dem Politischen der Medien | Bildung in einer Kooperation der AG Medienkultur und Bildung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) und der Sektion Medienpädagogik der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE). Ziel des Theorieforums ist die interdisziplinäre Diskussion und Reflexion des skizzierten Themenfeldes. Mögliche Fragen, die im Rahmen der theoretisch orientierten Beiträge diskutiert werden können, sind:
- Wie und wo sind Medienwissenschaft und Medienbildung politisch bzw. wie und wo können sie theoretisch begründet intervenieren?
- Wie lassen sich politische Theorien, Medientheorien und Bildungstheorien systematisch miteinander verbinden und voneinander abgrenzen?
- Welche Gegenwartsdiagnosen, historischen Einordnungen und Zukunftsperspektiven lassen sich im Hinblick auf das Politische der Medien und Bildung formulieren?
- Welche Bedeutung haben Phänomene und Bewegungen wie z. B. „Broligarchy“, Autokratie, Techno-Liberalismus, Anarchokapitalismus, Polarisierung oder techno-politische Dystopien/Utopien für Medien- und Bildungstheorien?
- Wie manifestieren sich Macht, Herrschaft, soziale Umbrüche und Ungleichheiten im Zusammenspiel von Medien, Bildung und Politik?
- Wie gestalten sich Teilhabe, Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit unter (post-)digitalen Bedingungen?
- Welche Relevanz haben Medien- und Bildungstheorien für Praktiken der Demokratiebildung und der politischen Bildung?
- Welche Rolle spielen ‚Neutralität‘ und (politische) Einflussnahme in Bildungs- und Medieninstitutionen?
Abstracts im Umfang von ca. 500 Wörtern (zzgl. Literaturverzeichnis) können bis zum 07.04.2026 per E-Mail an theorieforum@ovgu.de eingereicht werden. Die Entscheidung über die Annahme oder Ablehnung der Beitragsvorschläge erfolgt bis zum 24.04.2026. Die Anmeldung zum Theorieforum ist voraussichtlich ab Ende April 2026 möglich.
Das Organisationsteam:
| Prof. Dr. Patrick Bettinger (OvGU) | Dr. des Nicola Przybylka (UDE) |
| Prof. Dr. Stefan Iske (OvGU) | Dr. Andreas Weich (GEI) |
| JProf. Dr. Christian Leineweber (OvGU) |
in Kooperation mit der Sektion Medienpädagogik der DGfE und der AG Medienkultur und Bildung der GfM
Literatur
Amlinger, Carolin/Nachtwey, Oliver (2025). Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus. Berlin: Suhrkamp.
Bedorf, Thomas/Röttgers, Kurt (Hrsg.) (2010). Das Politische und die Politik. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Dander, Valentin/Grünberger, Nina/Niesyto, Horst/Pohlmann, Horst (Hrsg.) (2024). Bildung und digitaler Kapitalismus. München: kopaed.
Gaderer, Rupert/Grömmke, Vanessa (Hg.; 2024): Hass teilen. Tribunale und Affekte virtueller Streitwelten. Bielefeld: transcript. https://doi.org/10.14361/9783839471951
GfM, Gesellschaft für Medienwissenschaft (Hg.; 2025): Mind Control. In: Zeitschrift für Medienwissenschaft, Jg. 17, Heft 1/2025.
Helbig, Christian/Sandra, Hofhues (2025). Politiken der Digitalisierung und Medienpädagogik. Hagen: Call for Papers. URL: https://www.fernuni-hagen.de/bildungswissenschaft/mediendidaktik/docs/cfp_politiken_der_digitalisierung_und_medienpädagogik.pdf.
Muhle, Maria (2014). Medienwissenschaft als theoretisch-politisches Milieu. In: Zeitschrift für Medienwissenschaft. Jg. 6 Heft 1/2025, S. 137–142. DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/1129.
Negt, Oskar (2010). Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform. Göttingen: Steidl.
Seemann, Michael (2021). Die Macht der Plattformen. Politik in Zeiten der Internetgiganten. Berlin: Ch. Links.
Swertz, Christian/Schiefner-Rohs, Mandy/Kommer, Sven/Rau, Franco/Bellinger, Franziska (Hrsg.) (2025). Die Gesellschaft der Medienpädagogik (Jahrbuch Medienpädagogik 22). https://doi.org/10.21240/mpaed/jb22.X
Tuschling, Anna/Sudmann, Andreas/Dotzler, Bernhard J. (Hg; 2023): ChatGPT und andere „Quatschmaschinen“. Bielefeld: transcript.
Waitz, Thomas (2013). Medienwissenschaft. Eine politische Praxis? In: Zeitschrift für Medienwissenschaft, Jg. 9, Heft 2/2013, S. 168–172. DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/957.
Zuboff, Shoshana (2018). Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Frankfurt/Main: Campus.

